Künstlerverein Malkasten

Auf dem heutigen Gelände des Künstlervereins Malkasten befand sich im 18. Jahrhundert das Landhaus der Brüder Jacobi, umgeben von großzügigen Gartenanlagen. Hier empfingen der Philosoph Philosoph Friedrich Heinrich Jacobi (1743-1819) und sein Bruder, der Dichter Johann Georg (1740-1814), zahlreiche Gäste, u.a. Wilhelm und Alexander von Humboldt, Johann Gottfried Herder und Goethe. 

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Jacobi an Heinse (23. Oktober 1780)

Was ich Ihnen am liebsten erzehlen möchte, guter, freundschaftlicher Heinse, und was ich Ihnen am wenigsten zu erzehlen im Stande bin, ist die unendliche Seeligkeit die ich fühle, wieder hier in meinem Pempelfort zu sein. Als ich zu meinem Hof herein fuhr, es war, als hätten sich die Thore des Paradieses mir geöffnet [...]. Und siehe, meine zerstreuten, abgematteten, ausgetrockneten Sinne waren, wie durch ein Wunder, auf einmal wieder gesammelt, erfrischt und gestärkt. Ja, mein Trauter, es war nicht anders, als wär ich am Orte aller verflogenen Kräfte meines Lebens, und sie empfingen mich in Tänzen des Himmels. Meine freundliche Wohnung, die alle Blicke jedes Lichtes einläßt; mein lieber Garten, von dem wackern Louis mit spät blühenden Gewächsen der vier Weltheile voll geschmückt; alles, alles entzückte mich, und je länger je mehr. Ich übersah unaufhörlich meine Habe und konnte sie nicht ermeßen. Mein war die ganze Welt. Selbst der Mond und die Sonne am hohen Himmel, sie schienen auf so eigene Weise auf meinen Platz, daß es mir immer mehr so vorkommen mußte, als gehörten sie nur dazu; als wären sie mein, wie der Boden da, wie die Bäume, die ich gepflanzt habe; und ich ließe alle andre Menschen nur von meinem Uebrigen bescheinen.

 

Jacobi, Friedrich Heinrich; Goethe, Johann Wolfgang von; Jacobi, Carl Wigand Maximilan: „Ich träume lieber Fritz den Augenblick...“. der Briefwechsel zwischen Goethe und F.H.Jacobi.  Weidmann, Hildesheim, 2005. S. 30-31, 201-202.

Künstlerverein Malkasten

Friedrich Heinrich Jacobi wurde am 25. Januar 1743 als zweiter Sohn des Inhabers einer Zuckermanufaktur und dessen Frau Marie in Düsseldorf geboren. Da der Vater ihn für ein Studium ungeeignet hielt, schickte er ihn als Kaufmannslehrling nach Frankfurt am Main und 1759 zur weiteren Ausbildung nach Genf. Allerdings interessierte er sich weit mehr für die Philosophie als für kaufmännische Fragen. Angeleitet von dem Mathematiker Georges-Louis Le Sage las er Willem Jacob's Gravesandes „Introductio ad Philosophiam“, ein Standardwerk der damaligen Schulphilosophie, und beschäftigte sich mit Denkern wie Jean-Jacques Rousseau  oder  Charles Bonnet.  

Trotz seines philosophischen Interesses trat Jacobi zunächst in die Fußstapfen seines  Vaters und heiratete Betty von Clermont, die Tochter eines reichen Aachener Kaufmanns. Betty Clermont teilte seine eigentlichen Interessen und unterstützte ihn dabei, das ererbte Landhaus Pempelfort zu einem Mittelpunkt des intellektuellen Lebens zu machen: Johann Wolfgang von Goethe,  Johann Gottfried Herder, die Brüder Alexander und  Wilhelm von Humboldt oder Johann Georg Hamann gehörten zu den regelmäßigen Besuchern des Ehepaares. Jacobi wurde mit wichtigen Ämtern betreut;  so wurde er 1772 Mitglied des Hofkammerrats des Herzogtums Jülich-Berg  und 1779 Geheimrat und Referent für Zoll- und Wirtschaftsfragen im bayerischen Innenministerium.

Auch als Kaufmann und Wirtschaftspolitiker blieb Jacobi seinen philosophischen und literarischen Interessen treu. Er las Immanuel Kants vorkritische Schriften und die Bücher Baruch de Spinozas.

Einen tiefen Eindruck machte die Begegnung mit Goethe,  dessen Gastgeber er erstmals 1774 war. 18 Jahre später verbrachte Goethe dann ganze vier Wochen in Pempelfort; in seinen Aufzeichnungen rühmt er die ihm entgegengebrachte Gastfreundschaft.
Sehr an Goethes „Werther“ erinnert der  Briefroman „Aus Eduard Allwills Papieren“, den Jacobi 1775 veröffentlichte. Kurze Zeit später erschien sein Roman „Woldemar“;  beide Bücher spiegeln deutlich die philosophische Bildung des Verfassers wider.
Einer Begegnung mit Gotthold Ephraim Lessing in Wolfenbüttel folgte die Schrift „Über die Lehre Spinozas in Briefen an Herrn Moses Mendelssohn“, in der Jacobi im Dialog mit dem Philosophen Mendelssohn die Philosophie Spinozas diskutierte. Mit diesem Buch trug Jacobi wesentlich zu einer Wiederentdeckung Spinozas bei, dessen Philosophie in der Folge den deutschen Idealismus beeinflusste.

1794 floh Jacobi vor den anrückenden Truppen Napoleons zunächst zu einem Freund ins holsteinische Wandsbek und ließ sich dann in Eutin nieder. 1804 wurde er Mitglied der „Königlichen Bayerischen Akademie der Wissenschaften“ und zwei Jahre später deren Präsident. Allerdings verlor er dieses Amt, als seine Kontakte zu Freimaurern und den Illuminaten öffentlich wurden. Nach seiner frühzeitigen Pensionierung widmete Jacobi sich bis zu seinem Tod am 10. März 1819 in München der Herausgabe seiner Schriften.

Das Haus in Pempelfort wurde bis zu der Bombardierung Düsseldorfs von Jacobis Halbschwester Lotte gehütet, danach übernahm ein Freund die Pflege des Anwesens. Obwohl Jacobi immer mit Sehnsucht an seine Heimatstadt dachte, kehrte er nicht nach Düsseldorf zurück. Die kriegsbedingten Geschäftsverluste führten sogar zu Überlegungen, das Haus zu verkaufen. Schließlich ging es in den Besitz der Schwiegereltern von Jacobis Sohn Georg Arnold über und konnte so für die Familie erhalten bleiben.

1861 wurde das Haus der Jacobis von dem Künstlerverein „Malkasten“ erworben und zu einem Gesellschafts- und Festhaus umgestaltet; im Frühjahr 1867 konnte das neue Vereinshaus eingeweiht werden. Die Architekten Helmut Hentrich und Hans Heuser rekonstruierten den im Krieg beschädigten Bau von Ludwig Blank in den Jahren 1947 bis 1949; sechs Jahre später wurde der moderne Eingangsbereich hinzugefügt. Das alte Jacobihaus wurde dabei mit dem modern gestalteten Gesellschaftshaus verbunden.

Zu den insgesamt 112 ausschließlich männlichen Gründungsmitgliedern des Vereins zählten nicht nur Akademieprofessoren wie die Historienmaler Theodor Hildebrandt und Heinrich Mücke, sondern auch der Maler und Redakteur der politisch-satirischen „Düsseldorfer Monathefte“  Lorenz Clasen sowie der amerikanische Maler Emanuel Leutze, der maßgeblich an der Entwicklung einer von Akademie und Kunstverein unabhängigen „freien“ Künstlerschaft beteiligt war. Frauen wurden erst 1977 in dem Künstlerverein zugelassen.
In den Gründungsstatuten wurde 1848 festgelegt, dass der „KVM“ als „Verein für geselliges Künstlerleben“ eine heterogen zusammengesetzte Mitgliederschaft vertreten soll und „keinen anderen Zweck hat, als Interessen der Kunst und Künstler zu besprechen und zu fördern und sich gesellig zu unterhalten“. Schon im Jahr 1849 konnte der Vorstand offiziell bekanntgeben, dass sich dem Verein fast die gesamte männliche Düsseldorfer Künstlerschaft  - Musiker, Maler und Schriftsteller gleichermaßen - angeschlossen hatte.

Die Veranstaltungen des Vereins ließen den Malkasten zum Mittelpunkt kunstinteressierter Angehöriger der Düsseldorfer Gesellschaft werden. Eine besondere Attraktion waren die „dramatisch-malerisch-musikalischen Aufführungen“ der Malkastenbühne, deren dekorativ-szenische Ausstattung oft von Malern wie Andreas und Oswald Achenbach, Alexander Michelis, Fritz von Wille und Emanuel Leutze gestaltet wurde und an die Tradition der tableaux vivants anknüpften. Am 6. September 1877 besuchte Kaiser Wilhelm I. eine Aufführung der Malkastenbühne. Dieses Ereignis wurde auf einem  Wandgemälde festgehalten, das den Sitzungssaal des Neuen Rathauses schmückte.
Der Garten, die historischen und neuen Gebäude, der Düsselbach und der Venusteich mit seiner der Venus von Milo nachgebildeten Staue wurden auch zur Kulisse für die weit über Düsseldorf hinaus bekannten Künstlerfeste.

Während im Zuge der Gleichschaltung viele Düsseldorfer Künstler verfolgt wurden, arrangierte sich der KVM mit den Nationalsozialisten. Gemeinsam mit dem Kampfbund für deutsche Kultur feierte er die „nationale Erhebung“ und pflanzte dem „Retter aus höchster Not“ eine „Hitler-Eiche“.

Auch heute ist der Künstlerverein Malkasten ein Kulminationspunkt Düsseldorfer Künstler und Künstlerinnen, der seine Geschichte mit Ausstellungen, Vorträgen und Künstlerfesten fortleben lässt.

www.malkasten.org

Die Briefe Jacobis sind Zeugnisse seiner Verbundenheit zu dem Anwesen in Pempelfort, um  dessen Gestaltung er sich selbst kümmerte: „Ich bin in einen solchen Drang von Bauen und Pflanzen gerathen, daß ich Lesen und Schreiben darüber vergessen habe“, teilt er dem Naturwissenschaftler Johann Reinhold Forster mit, und an die Gräfin Reventlow schreibt er: „Ich habe das leibhaftige Pains-Hill aus meinem Garten gemacht, die Grotte, den Thurm, das gotische Gebäude und dergleichen ausgenommen. Er ist ungefähr noch einmal so groß geworden, als Sie ihn gesehen haben. Der Düsselbach hat einen anderen Lauf bekommen; es sind Berge und Thäler entstanden.“

(Quellen:

-       „Düsseldorfer Gartenlust“, Stadtmuseum Düsseldorf 1987, S. 36ff.

-        Nina Streeck, Friedrich Heinrich Jacobi. In: Porta Rheinische Geschichte,    Internetauftritt des Landschaftsverbandes Rheinland.)